Ein amerikanischer Traum in Rust
1816

Juni, Juli, August des Jahres 1816. Die Sommermonate vergingen, doch Kälte und Regen hatten Land und Menschen gleichermaßen fest im Griff. Auf den durchnässten Feldern erfroren die Ernten. Nach und nach hielt der Hunger dauerhaft Einzug in ganz Baden, auch im kleinen Dorf Rust.
Unter den Wolken dieses „Jahres ohne Sommer“ begann sich allmählich ein Traum in den Köpfen einiger Familien zu formen. Überzeugt davon, dass sie anderswo ein besseres Leben erwartete, fassten sie neuen Mut, statt sich von Verzweiflung lähmen zu lassen. Sie packten ihren wenigen Besitz und etwas Proviant in einfache Stoffbündel. Ihr Ziel? Amerika – ein fernes Land, in dem ein Wind der Freiheit und der Hoffnung wehte und in dem sie ein neues Leben beginnen wollten. Sie wussten, dass bereits rund ein Jahrhundert zuvor deutsche Familien nach San Antonio ausgewandert waren, dort eine deutsche Gemeinde gegründet und im Jahr 1718 eine Kapelle errichtet hatten. Die Kapelle wurde für sie zum Sinnbild der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Neuen Welt.
Bevor sie jedoch den Atlantik und seine stürmischen Wellen überqueren konnten, mussten sie zunächst die Niederlande erreichen. Von dort planten sie, per Schiff die Reise nach Amerika anzutreten. Doch die vielen Strapazen auf der mühsamen Reise quer durch Europa und mehrere Schicksalsschläge auf dem langen Weg vereitelten ihre Pläne. Geschwächt und erschöpft strandeten die Familien in Amsterdam, unmittelbar vor dem großen Aufbruch.
Zum Glück erfuhren Kaspar und Eckbert Eulenstein vom Schicksal der Ruster Auswanderer. Die Brüder, zwei junge Erfinder, hatten erst vor Kurzem bei Rust ihre Werkstatt für Fluggeräte eröffnet, das Voletarium. Als frisch gebackene Mitglieder des Adventure Club of Europe erreichte sie die Kunde von ihren in Amsterdam festsitzenden Nachbarn über die Kontakte des Clubs, die nach ganz Europa reichten. Der Zufall wollte es, dass sie soeben den Volatus I vollendet hatten, ein ungewöhnliches Fluggerät aus Holz mit Flügeln aus Segeltuch, das wie ein Vogel fliegen konnte. Kurzerhand beschlossen sie, ihre Erfindung in den Dienst einer guten Sache zu stellen und die deutschen Familien nach Rust zurückzubringen – auf dem Luftweg!
Enttäuscht darüber, Amerika nicht erreicht zu haben, zugleich aber erleichtert, in ihre Heimat zurückkehren zu können, sammelten die Familien ihre wenigen Habseligkeiten und gingen an Bord des Volatus I. Mit dem Fluggerät schwebten sie über Amsterdam mit seinen verschlungenen Grachten, über geheimnisvolle Burgen und weite Wiesenlandschaften. Sie erblickten außerdem die Silhouette einer rosafarbenen Sandsteinkathedrale mit nur einem Turm, bevor sich vor ihnen ein großer Wald mit dunklen Baumwipfeln ausbreitete.
In Rust war ein enger Freund der Eulensteins, der erfindungsreiche Wagenbauer Paul Mack, bereits auf dem Laufenden über die luftige Rettungs-Expedition. Mit offenen Armen empfing er die Familien, die von ihrer Reise durch die Wolken noch ganz überwältigt waren, sich aber glücklich schätzten, ihre in Deutschland gebliebenen Angehörigen wiederzusehen. Beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit, ihren Traum nicht aufzugeben, gelang es Paul Mack gemeinsam mit den Eulensteins, die Gemeinde Rust davon zu überzeugen, jeder Familie ein Stück Land zur Verfügung zu stellen. Dort konnten die mutigen Siedler ein neues Leben in der alten Heimat beginnen. Ihr Land nannte man schon bald Amerika, unter diesem Namen wurde es selbst in die Flurkarten von Rust eingetragen.
Mehr als 200 Jahre später haben die Nachfahren von Paul Mack mit Silver Lake City ein echtes Stück Amerika in Rust errichtet. Der Adventure Club of Europe hat dort eine kleine Kapelle gestiftet, die Chapel San Antonio 1718. Im Gedenken an die Ruster Amerika Auswanderer von 1816 ist sie dem Symbol ihrer unerschütterlichen Hoffnung auf eine bessere Zukunft nachempfunden. Sie würdigt ihre Willenskraft, ganz im Geiste des ACE nie aufzugeben, sondern immer wieder von Neuem zu beginnen.
Artefakte im Besitz des ACE: